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Blick am Abend bittet zu Tisch
(und speist mit Unappetitlichem ab)
Marko Kovic 07.2013 Blog, Skeptiker-Blog2 Comments
Wenn es ein Thema gibt, welches ein massenmedialer Dauerbrenner ist, dann Ernährung: Alle sind
wir Laienexpertinnen und -experten bei Ernährungsfragen, weil wir selber ja viel Erfahrung damit
haben, essen wir doch mehr oder weniger ununterbrochen. Auch können sich die meisten von uns
vorstellen, dass Ernährung etwas mit Gesundheit zu tun hat, und wir wissen alle, dass unsere
Wohlstandsgesellschaft immer feister wird. Dazu ist uns allen klar, dass wir heutzutage viel zu viele
Fertiggerichte und Junk Food runterwürgen, und zu wenig selber zu kochen und zu selten bewusst
speisen. Die Zusammenhänge liegen doch auf der Hand, oder?
Die Frage, wie unser Körper tatsächlich auf welche Nährstoffe reagiert, ist eine äusserst
komplizierte, wie nicht zuletzt in Folge 18 von SkeptisCH zu hören ist. Umso angenehmer ist es,
wenn jemand populärwissenschaftlich zusammenfasst, was die moderne Wissenschaft sagt. So
geschehen im Blick am Abend vom 21. Juni 2013:
Auf den ersten Blick (hö hö) handelt es sich um einen harmlosen Artikel, der propagiert, man solle
möglichst selber kochen und so etwas wie naturbelassene Nahrungsmittel zu sich nehmen («Essen
Sie frische und biologische Lebensmittel»). Bei genauerem Durchslesen offenbart sich das ganze
Ausmass des Artikels, wird doch erklärt, wodurch «unter anderem Autismus, Depressionen und
Krebs» entstehen. Eine ernährungswissenschaftlich-medizinische Revolution im Blick am Abend?
Die Studie
Der Blick am Abend-Artikel bezieht sich nicht direkt auf eine Studie, sondern auf das
populärwissenschaftliche Buch «Deep Nutrition» von Catherine Shanahan (und nicht «Shenahan»,
wie im Artikel fälschlicherweise steht). Das Buch habe ich nicht gelesen, und kann entsprechend
nicht wirklich zu dessen Inhalt etwas sagen, sondern nur zur Zusammenfassung im Blick am Abend.
Shanahan scheint jedenfalls die Ansicht zu vertreten, dass falsche Nahrung schuld für Krankheiten ist
(«Medical School Does Not Get to the Root of Illness»). Darüber hinaus gehört sie zu jenen
Menschen, die behaupten, Aluminium in Impfstoffen wie auch in Nahrungsmitteln verursache
Autismus – eine Hypothese, die als widerlegt anzusehen ist.
«[E]in Beispiel unter Tausenden» in genanntem Buch soll eine Studie sein, in welcher die
Auswirkungen des Herbizides Glyphosat untersucht werden. Bei der Studie handelt es sich um
«Glyphosate’s Suppression of Cytochrome P450 Enzymes and Amino Acid Biosynthesis by the Gut
Microbiome: Pathways to Modern Diseases». Schon in der Zusammenfassung ist vollmundig der
durch Glyphosat verursachte Krankheitenkatalog auflistet:
Consequences are most of the diseases and conditions associated with a Western diet, which include
gastrointestinal disorders, obesity, diabetes, heart disease, depression, autism, infertility, cancer and
Alzheimer’s disease.
Bei dieser die Literatur zusammenfassenden Studie fällt auf, dass von den beiden Studienautoren
Anthony Samsel und Stephanie Seneff keine(r) Bezug zu Biologie oder verwandten Fächern hat.
Seneffs Publikationenliste
deutet im Weiteren darauf hin, dass sie sich auf das Erklären moderner
Krankheiten durch den Einfluss von «Giften» wie Aluminium spezialisiert hat.
Ein weiterer heikler Aspekt dieser Studie ist die wiederholte Bezugnahme auf die
diskreditierte Genmais-Studie von Séralini et al. von 2012, und zwar nicht kritisch-reflektierend,
sondern im Sinne einer aussagekräftigen Bestätigung der karzinogenen Wirkung von Glyphosat
(Monsantos Herbizid «Roundup» ist der Markenname von Glyphosat).
Sind dies nur einzelne problematische Punkte der Studie, oder widerspiegelt sich in ihnen die
grundsätzliche Qualität der Studie? Bequemerweise wurde die Studie schon an mehreren Orten
kritisch hinterfragt, so etwa in einiger Ausführlichkeit im Skeptoid-Blog, wo das Urteil klar ausfällt:
The bold conclusions reached by the review are not supported by the evidence. The authors did
include many citations, but did not look at follow-up to many of the citations or willfully ignored
them. There are many leaps of correlation to causation that do not fit their own hypothesis, but they
force fit them anyway. The connections to a popular topic among pseudoscientists, gut bacteria, are
very shaky at best. The review is easily dismissed, and already has been by science writers with
expertise and good science sense.
Das grösste Problem ist also, dass Korrelation mit Kausalität verwechselt wird – heute gibt es mehr
bestimmter Krankheiten, und heute wird Glyphosat verwendet, also verursacht Letzteres das
Erstere. Lässt man sich auf diesen Fehlschluss ein, offenbart sich ein weiterer Verursacher von
Autismus, Bio-Nahrungsmittel:
Auch einen Artikel im Blick am Abend wert?
Bei Examiner.com fällt die Kritik ähnlich negativ aus:
And since it is well known that little glyphosate is ever absorbed into the body, but is nearly all
eliminated in the urine and feces, almost every one of these hypotheses does not stand up to actual
facts.
This paper is not just baloney, it is a whole delicatessen!
Erwähnenswert in der Kritik auf Examiner.com ist die Beobachtung von «Wiesel-Wörtern», mit
welchen die pure Spekulation der Studienautoren in den Mantel der Wissenschaftlichkeit gekleidet
werden soll:
One can surmise that
Could be a contributing factor
We develop a novel hypothesis
We suspect this has to do with glyphosate’s effect…
We hypothesize that
…and this could be a factor…
…could substantially enhance…
It is plausible that…
Is like synergistic in combination with glyphosate
Ein Kommentar bei Discover kommt zu einem ähnlich drastischen Ergebnis:
The paper is by two authors with dubious credentials and is such a mashup of pseudoscience and
gibberish that actual scientists have been unable to make sense of it. As one of them also noted, the
paper is published in a “low-tier pay-for-play journal.”
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